Predigt VI: Ich sehe was, was du nicht siehst

Haben Christen eigentlich eine andere Sicht auf das Leben? Sehen sie mehr als andere? Sehen sie die Dinge des Lebens anders? Tiefer vielleicht? Dazu fällt mir eine kleine Begebenheit ein, die sich ereignete, als ich in Schottland gelebt habe. Bekannte aus einer schottischen Nachbargemeinde hatten ein Baby bekommen, ein Mädchen und es sprach sich schnell herum: Laura war behindert.
Ein Chromosom zu viel. Down Syndrom.  Ambivalente Gefühle plagten mich, die ich gerade Mutter eines gesunden Jungen geworden war. Da erreichte mich die Geburtsanzeige: „Wir freuen uns über die Geburt unsrer Tochter….und dann der erstaunliche Satz: „She is blessed with an extra chromosome“! Sie ist mit einem extra Chromosom gesegnet.
Die Behinderung – ein Segen?? Dieser Satz befremdete und irritierte mich. Als ich das ehrlicherweise im Gespräch mit einer Freundin zugab, meinte diese: „Wieso bist du irritiert? Ich denke, ihr Christen seht das so?!“

Zumindest gibt es also die Erwartungshaltung und manchmal auch die Erfahrung, dass Christen das Leben anders sehen. Wie bei dem beliebten Kinderspiel: „Ich sehe was, was du nicht siehst“ Christen können Segen und Hoffnung sehen, wo andere nur Verzweiflung und Dunkelheit sehen.
Das kann manchmal so sein. Manchmal auch nicht. Vielleicht ist es ein Geschenk Gottes, zu sehen was andere nicht sehen, vielleicht aber auch ist es eine Kunst, die des Einübens bedarf. Immer wieder.  Biblische Geschichten können bei diesem Einüben helfen, das sehen zu lernen, was man eigentlich nicht sehen kann. So eine Geschichte ist ja auch die von Nikodemus und seiner Begegnung mit Jesus, die wir vorhin gehört haben.

Nikodemus ist ein imponierender Mensch in seiner Zeit:  anerkannt, gebildet, Mitglied des obersten jüdischen Gerichtshofs. Ein Mann von Einfluss also. Seine Stimme hat Gewicht. Er hat die heiligen Schriften sorgfältig studiert, er lebt seinen Glauben…..und ist doch offen für Neues! Er ist kein Prinzipienreiter oder engstirniger Traditionalist, er lässt sich durchaus infrage stellen und überprüft seine Überzeugungen immer wieder an der Wirklichkeit. Nikodemus hat von Jesus gehört. Was er gehört hat, das lässt ihn nicht los: irgendwie ist er berührt und innerlich bewegt.
Besonders dass Jesus seinen Worten Taten folgen lässt, beeindruckt ihn. Jesus sorgt damit für Aufruhr.  Manche halten ihn für einen Scharlatan….andere verehren ihn wie einen Heiligen.  Nikodemus will wissen: was ist dran an diesem Jesus!?

Er hat durchaus das Gefühl, dass Jesus Gott auf seiner Seite hat.  Das sehen ja nicht alle so und auch Nikodemus ist unsicher, wie er sich mit seinen Fragen und Zweifeln Jesus nähern könnte. Er wählt den Weg in der Dunkelheit: nachts schleicht er sich zu Jesus (vielleicht hat er eh nicht schlafen können, hat grübeln müssen) und nun ist die Stunde da, wo er sich traut, sich vor Jesus zu öffnen.

Voller Hochachtung begegnet er ihm:  „Rabbi, wir wissen, dass Gott dich gesandt und dich als Lehrer bestätigt hat. Nur mit Gottes Hilfe kann jemand solche Wunder vollbringen, wie du sie tust.“ In dieser anerkennenden Feststellung schwingt aber auch die Frage mit „Wer bist du eigentlich, Jesus?“ Doch Jesu Reaktion ist befremdlich.  Mir kommt es vor, als redeten die Beiden völlig aneinander vorbei.
Wie auf 2 verschiedenen Ebenen: während Nikodemus erst mal an der Person Jesu interessiert ist, redet Jesus von der allumfassenden Wirklichkeit Gottes als deren Teil er sich versteht und antwortet: „Nur wer neu geboren wird, kann das Reich Gottes sehen.“Eine merkwürdige Antwort.

Eine schroffe Zurückweisung auch: dem interessierten Nikodemus wird die Tür vor der Nase zu geschlagen nach dem Motto: „Du kannst hier überhaupt nicht mitreden, denn hier geht es um geistliche Dinge. Um die Wirklichkeit Gottes. Die kann eben nicht jeder sehen!“

Aber so schnell gibt Nikodemus nicht auf: er fragt nach. Allerdings auf seiner ganz menschlichen Alltagsebene: „Wie kann ein Mensch neu geboren werden, der schon alt ist?“ Fast wirkt die Frage komisch, obwohl wir vielleicht genauso fragen würden. Natürlich weiß auch Nikodemus, dass Jesus nicht von einer leiblichen, physischen Geburt redet.  Doch Nikodemus findet halt keine anderen Worte für seinen brennende Sehnsucht und seine bohrende Frage: „Was kann ich tun, um Gottes Wirklichkeit zu sehen? Wie kann ich ein neuer Mensch werden? Mit einer neuen Sicht auf das Leben?“

Ein neuer Mensch werden….noch mal von vorn anfangen…
Manch eine/r von uns mag diese Sehnsucht kennen. Doch da ist so vieles, was uns hindert:

Ich denke an eine junge Frau auf der Suche nach Liebe und Geborgenheit, doch sie kann ihre Angst vor Männern nicht überwinden, denn ihr Vater hatte sie als kleines Mädchen sexuell missbraucht. Wie sehr würde ich ihr das wünschen: die Chance, ein neuer Mensch zu werden! Doch wie soll das gehen – fragt ja nicht nur Nikodemus!! Jesus antwortet:  „Neu werden kann nur, wer von Wasser und Geist geboren wird. Nur der kann in Gottes neue Welt hineinkommen. Was Menschen zur Welt bringen, ist und bleibt von menschlicher Art.  Von geistlicher Art kann nur sein, was vom Geist Gottes geboren wird.  Wundere dich also nicht, dass ich zu dir sagte: ›Ihr müsst alle von oben her geboren werden.“

Ich weiß nicht, wie’s Ihnen gegangen ist, aber als Jesus von Wasser und Geist anfängt zu reden, musste ich sofort an die Taufe denken.
Und das sollen wir wohl auch, wahrscheinlich durch nachträgliche Redaktion, nachträgliches Einfügen des Stichworts Wasser. Denn Jesus hat ja nicht selbst getauft.  Und eine christliche Taufpraxis entwickelt sich erst nach seinem Tod (und Auferstehung!!).
Und eigentlich redet er ja über den heiligen Geist, die heilige Geisteskraft. Von oben soll sie auf den Menschen kommen: das erinnert dann eher an Pfingsten!

Wichtig ist der Kern: das neue Sehen, die andere Perspektive auf das Leben, hat nichts mit unserem Tun zu tun, sondern kommt allein aus dem Geist Gottes!  Mit keiner Leistung können wir diese Kraft verdienen! Diese Geisteskraft lässt uns neu werden…..doch der Geist weht, wo es ihm gefällt.  Wir können diese Geisteskraft nicht herstellen, nicht festhalten, sie nicht für uns pachten oder gar domestizieren. Wir können nur glauben, dass diese Geisteskraft auch in unserem Leben wirken will. Diesen Glauben bekennen wir mit dem äußeren Zeichen der Taufe.

Aber das macht uns nicht automatisch zu „anders Sehenden“: die Taufe ist ja keine magische Handlung, die uns gewissermaßen ein 3. Auge öffnet!
Die Taufe ist das äußere Zeichen für einen inneren Weg, den wir bereit sind, mit Gott zu gehen.  Und auf diesem Weg haben wir die Chance sehen zu lernen, was auf den 1. Blick nicht zu sehen ist:

Dieses Sehen hat mehr mit Vertrauen und Hoffnung zu tun, als mit unserem Sehnerv! Es ist das Sehen mit den Augen der Liebe, so wie Eltern ihr neugeborenes Down-Syndrom-Kind mit den Augen der Liebe sehen und annehmen und der Gedanke an die sog. Behinderung gaaaanz klein ist, während die Freude über jedes Lächeln, jedes Knuddeln und Herzen mit dem geliebten Kind gaaaaanz groß und erfüllend ist!! Es ist ein Sehen, dass in die Tiefe weist, auf den Grund unserer Seelen und doch vom Himmel kommt: von oben her kommt die Geisteskraft Gottes, wie ein Geschenk, wie ein erfrischender Sommerregen, wie eine segnende Berührung.

Von oben her kommt die Geisteskraft Gottes, wir werden gewahr, dass da mehr ist zwischen Himmel und Erde als wir sehen und verstehen können und lernen so einen neuen, anderen Blick auf das Leben. Also doch! : Ich sehe was, was du nicht siehst!

Doch ich sehe es nur, wenn der Geist grad mal in meine Richtung weht! Oft genug sehe ich nichts. Bin gefangen in meinen Dunkelheiten, bin nicht in der Lage , die Welt aus der Perspektive Gottes zu sehen: „Denn der Wind weht, wo es ihm gefällt. Du hörst ihn nur rauschen, aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So geheimnisvoll ist es auch, wenn ein Mensch vom Geist geboren wird.“

Es bleibt ein kostbares Geheimnis, wann und wie ich es erleben darf, neu geboren zu werden. In diesen Sternstunden des Lebens sehe ich ganz deutlich, was eigentlich nicht zu sehen ist: Gott hält die Welt in seiner Hand! Auch mich! Ich bin kein Zufallsprodukt, kein Staubkorn im unendlichen Kosmos. Gott überläst mich nicht allein mir selbst, sondern mit seiner Geisteskraft führt er uns gemeinschaftlich zusammen als Schwestern und Brüder und umhüllt uns mit Segen, der von oben kommt. In diesen kostbaren Lebensmomenten, habe ich Hoffnung über den Tag hinaus. Hoffnung für die Welt, für mich und andere.
„Ich sehe was, was du nicht siehst“ – das ist für mich soooooo viel mehr als nur ein Kinderspiel. Amen

Predigt für den 17. Februar 2019
Jubilate/Öjendorf-Schiffbek

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