Grabsteine erzählen VIII oder: von Engeln, Fabelwesen und Trauernden

Gern halte ich auf schönen alten Friedhöfen nach ihnen Ausschau: Engelsskulpturen, verwunschen, verwittert, Zeugen einer anderen Zeit.
Sofort beflügeln sie meine Fantasie, wer mag hier beerdigt sein? War es sein/ihr Wunsch so einen tollen Engel auf dem Grab zu haben? Oder ist ein Angehöriger ein begüterter Kunstliebhaber und hat sich für so eine Skulptur entschieden?
So eine alte Engelskulptur hat was. Romantik begegnet Vergänglichkeit und mein Herz öffnet sich und eigene Lebenssehnsüchte tauchen aus dem Unbewussten auf. Sehnsucht ergreift mich, Sehnsucht nach Ewigkeit: nach dem Einen, der Raum und Zeit in seinen Händen hält und dessen Boten die Engel sind. Engel, griechisch „angelos“, ist der Bote, der Diener Gottes.
Engel sind Mittler zwischen der Gottheit und den Menschen.  Aber auch Mittler zwischen Licht und Dunkel und deshalb auch Kommunikator auf der Schwelle zwischen Leben und Tod.
Kein Wunder also, dass es wohl auf allen Friedhöfen unterschiedlichste Engelsdarstellungen auf den Gräbern gibt! Und nicht nur das: kleine Deko-Engel, wie sie jede und jeder für wenig Geld erwerben kann, zieren ungeheuer zahlreich moderne Gräber. Die Sehnsucht nach einem Schutzengel gerade an dem Ort, an dem ich sowohl meiner eigenen Endlichkeit gewahr werde, als auch um liebe Menschen trauere scheint riesengroß! Auch wenn mir manche Putten-Darstellungen allzu kitschig erscheinen, fällt mir doch der 91. Psalm ein: „Denn Gott hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf all deinen Wegen, dass sie dich auf Händen tragen und dein Fuß nicht an einen Stein stoße“.
Am beliebtesten sind die pausbäckigen Kindergesichter mit Flügelchen auf und an den Grabsteinen zu entdecken, nachempfunden der sixtinischen Madonna von Raffael, 1512/13 gemalt für den Hochaltar der Klosterkirche San Siesto in Piacenza. Diese Putten (oder italienisch: Putto bzw Mehrzahl Putti) kennt wohl jeder! Mich erinnern sie immer auch an die Zwiebackwerbung min meiner Kindheit! Aber nicht immer sind die Engeldarstellungen liebliche Putti! Es gibt auch ganz drohend-ernste, martialisch aussehende Engelsstatuen, die mich an den Wächter vor dem Tor zum Paradiesgarten erinnern (1. Buch Mose). Dieser Wächter-Engel (Cherubim), der dafür sorgt, dass Adam und Eva nicht zurück können ins Paradies ist sogar bewaffnet! Sein Kennzeichen ist das Schwert in der Hand!
Und als bildhauerisch gestaltete Skulptur wirkt er eindeutig männlich. Was ja passt: es heißt ja „der Engel“, aber erstaunlicherweise tritt bei allen anderen Engelsdarstellungen das Weibliche deutlich In den Vordergrund: lange Haare, ein wallendes Gewandt über Busen und Taille bis zum Boden, ein neckisches Dekolletee, manchmal sogar ein entblößter Busen, diese Engeldarstellung ist umgeben von einem Hauch Erotik!
Immer ist eine Blume oder ein Blumenstrauß in der Hand erkennbar und immer hat „der Engel“ ein feminines, hübsches, zartes, schönes, verträumtes oder nachdenkliches Gesicht. Und auch die Art und Weise, wie sich so ein Engel an den Grabstein schmiegt hat etwas Feminines. So richtig traurig wirken Engel auf Gräbern eigentlich nicht.

Erkennbar sind die Engel natürlich immer an ihren Flügeln, die mit den pausbäckigen Kindergesichtern genauso wie die mit den verführerischen Frauengestalten. Und doch gibt es noch eine Sorte Flügelwesen, die nicht in dieses Schema passen. Ich nenne sie „Fabelwesen“: sie sehen aus wie Peter Pan, wie eine Elfe oder wie eine Fee. Ihre Flügel sind Schmetterlings oder Libellenflügeln gleich, während die Engelsflügel deutliche Federschwingen haben.
Dazu musste ich immer wieder auch um die Grabsteine herum gehen, um diese Unterschiede wirklich zu sehen! Und da kann es passieren, dass alle weiblichen Attribute (s.o.) vorne bei der Skulptur vorhanden, aber hinten keine Flügel zu finden sind! Dann ist so eine Skulptur die sog. „Trauernde“.
Sie geht zurück auf die Anfänge der Säkularisierung, nach der Aufklärung (18. Jahrhundert) , als der christliche Glaube erste Risse bekam durch die Entdeckung von Vernunft und Wissenschaft. Der bis dahin selbstverständlich verbreitete Glaube an die Auferstehung, an ein irgendwie geartetes Jenseits, wurde abgelöst durch „weltliche“ Vorstellungen.  Und im Protestantismus braucht eh keiner mehr einen Mittler zwischen Himmel und Erde. So verloren die Engel ihre Flügel.

Aber nicht ihre Bedeutung, sogar Heinrich Heine (1797-1856), sonst bekennender Atheist, glaubt an diese himmlischen Wesen und widmet ihnen ein Gedicht „Die Engel“.  Angesichts des Todes ist mein Selbstbewusstsein und meine Unabhängigkeit leicht zu erschüttern. Das spüre ich beim Gang über einen Friedhof. Und die Sehnsucht nach einem Schutz, der nicht von dieser Welt ist, sondern größer und tiefer, ist groß! Wie schön, wenn da zwischen Hecken und Rododendren mein Blick einen Engel erhaschen kann und ich mich erinnert fühle an Gottes Versprechen:
„Ich werde einen Engel schicken, der dir vorausgeht. Er soll dich auf dem Weg schützen und dich an den Ort bringen, den ich bestimmt habe“ (2. Buch Mose 23,20).

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