Grabsteine erzählen IX oder: vom Buch des Lebens

„Freut euch, dass eure Namen aufgeschrieben sind bei Gott!“ heißt es im Lukas-Evangelium, im 10. Kapitel. Immer wieder findet sich in der Bibel das Bild vom Lebensbuch Gottes, in dem unsere Namen und Lebensgeschichten aufbewahrt sind. Gott kennt uns beim Namen (Jes. 43,1) und im 139. Psalm heißt es: „ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin, du hast mich gebildet im Mutterleib. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war und alle Tage waren in dein Buch geschrieben“!

Zahlreiche Bücher und Buchrollen sind auch auf jedem Friedhof zu finden. Manchmal einzisilliert in den Grabstein, aber viele öfter ist der ganze Grabstein als Buch oder Buchrolle gestaltet (obwohl wir ja schon lange nicht mehr auf Buchrollen schreiben).

Da wird eine tiefe Sehnsucht in mir berührt: die Sehnsucht nicht vergessen zu sein! Für viele Menschen sind es die Kinder, in denen sie weiterleben, nach dem Motto „tot ist nur, wer vergessen ist“ und solange sich noch irgend jemand an uns erinnert, solange leben wir weiter. Das ist mir zu wenig! Ich bin froh, dass mein Name in Gottes großem Lebensbuch aufgeschrieben, „verewigt“ ist. Das ist ein schönes Bild, dass auch ich Anteil habe an Gottes Ewigkeit! Und dass ich nicht vergessen bin, egal ob  ich Kinder habe oder nicht, egal ob sich noch Jemand an mich erinnert oder nicht. Es kann ja nicht jede oder jeder von uns Kleopatra oder Goethe oder Luther oder Dshingis Khan oder sonst eine berühmte Persönlichkeit sein, an die sich alle Welt auch noch nach Jahrhunderten erinnert! In den Geschichtsbüchern dieser Welt werde ich nicht stehen, aber in Gottes großem Lebensbuch!

In der Johannes-Offenbarung ist dieses Buch „eine Buchrolle mit sieben Siegeln“(Offbg. 5, 1 – 6ff). Wer weiß schon, dass diese Redewendung vom „Buch mit 7 Siegeln“ da ihren Ursprung hat?! Ein uns unbekannter Mann mit Namen Johannes schreibt dort seine Träume und Visionen auf. Im 5.Kapitel erzählt er folgenden Traum: er sieht Gott auf seinem Thron und in seiner Hand eine Buchrolle. In seiner rechten Hand hält Gott das Buch des Lebens. Innen und außen ist es voll beschrieben. Die ganze Menschheitsgeschichte ist darin aufbewahrt: Freud und Leid, Kriege und Eroberungen, Friedenszeiten und Fortschritt, Kultur und Völkerverständigung, Großreiche entstehen und zerbrechen, Völker kommen und gehen, …alles,….alles ist klar und sinnhaft gebunden in Gottes großem Lebensbuch!
Aber für Johannes ist das Buch verschlossen. Nicht nur für ihn…, niemand findet sich, das Buch zu öffnen. Ohnmächtig und alleingelassen mit seiner Neugier steht Johannes vor dem Lauf der Welt. Verstehen ist ihm nicht vergönnt! Kopfschüttelnd steht er vor dem sprichwörtlichen Buch mit 7 Siegeln. Auch 2000 Jahre später,…denke ich…., können wir uns getrost an seine Seite stellen.
Wissenschaft, Technik und Fortschritt haben ungeahnte Ausmaße erreicht, …. und doch,… stehen wir vor dem Lauf der Welt wie vor einem Buch mit 7 Siegeln. Und gerade am Grab eines lieben Menschen, wenn die Trauer das Herz schwer macht, dann kommt einem das Leben wie ein Buch mit sieben Siegeln vor. Ich versteh es einfach nicht. Warum musste dieser liebe Mensch sterben? Warum jetzt? Warum so früh?

Der Tod eines geliebten Menshcne stellt uns vor die größte Herausforderung, die das Leben uns stellen kann: loslassen zu müssen! Trauer ist immer Schwerstarbeit für die Seele. Wir möchten festhalten und wissen doch: das geht nicht. Mir tut es gut, darauf zu vertrauen, dass Gott uns festhält. Dass wir hineingeschrieben sind in sein Gedächtnis. Und das nicht nur wir: sondern alle lebenden Geschöpfe!

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