Fünf Wochen – Drei Orte – Eine Wand

In der ersten Woche, nach Pfingsten im Juni 2017, steht die „Before I die“-Wand auf dem Schiffbeker Friedhof.
Regelmäßig schaue ich vorbei, um die Einträge zu fotografieren. Gegenüber der Wand sitzt eine Frau auf der Bank, raucht eine Zigarette und wir kommen ins Gespräch: sie hat nichts auf die Wand geschrieben, denn das Thema geht ihr zu sehr unter die Haut.
Gerade ist ihre Mutter gestorben und sie hätte ihr gern noch so Vieles gesagt: sich bedankt für all die Liebe und Unterstützung… „Ja,“ sagt sie, „das stimmt: man sollte viel früher den Tod einbeziehen ins Leben, alles rechtzeitig besprechen, alles auskosten, alles erleben, was man erleben möchte.“ Hastig zieht sie an ihrer Zigarette. „Ich find das gut, dass die Wand hier steht, sagt sie“ und auch: „ich denke jetzt so viel nach über das Leben. Der Tod meiner Mutter hat alles verändert. Ich sehe jetzt vieles anders, und wünschte mir ich hätte diese Erkenntnisse früher schon gehabt. Nun ist es zu spät“. Ihre Befindlichkeit hat schon ein Anderer dran geschrieben an die Wand: bevor ich sterbe möchte ich mit meinen Lieben im Reinen sein.

Eine Woche später steht die Wand in Reinbek an der Nathan-Söderblom-Kirche und am Ende einer Konfer-Stunde beschreiben Teenager die Wand.
Ich bin überrascht und gerührt: „Bevor ich sterbe möchte ich meiner Mutter ermöglichen, in England ein Champions League Fussballspiel zu sehen. Das ist ihr größter Wunsch.“ Und noch ein Konfi denkt zuerst an seine Eltern: „Bevor ich sterbe möchte ich meinen Eltern einen großen Wunsch erfüllen!“.
Aber natürlich gibt es auch eigene Lebenswünsche:
einen Tandemsprung wagen….oder angeln in Alaska…..oder einen ehrlichen Freund finden. Wie kostbar und verletzlich das Leben ist, wie wertvoll-einmalig, das wird aus allen Before I die -Sätzen deutlich. Eine lehrreiche Konfi-Stunde. Für mich.
Und wieder eine Woche später steht die Wand in der „Horner Freiheit“, dem Stadtteilhaus in Hamburg-Horn. Zwischen Sozialberatung und Yoga-Kurs, zwischen Deutschkursen für Migranten und Seniorenfrühstück, zwischen Trauergruppe und Einkehr im Cafe May, mitten im Leben also, steht sie ein bisschen wie ein Fremdkörper da die Wand „Before I die, I want to……“ – „Bevor ich sterbe, möchte ich……“
Sie sorgt für Irritation. Nicht jede und jeder schreibt was drauf. Doch auch der, der kopfschüttelnd vorüber geht, denkt vielleicht abends vor dem Einschlafen noch mal dran an seine ganz bestimmten Lebenswünsche!

P.S.: am 24. Juni 2018 steht die „Before I die“ Wand vor der Philippuskirche (Manshardtstr. 105, 22119 Hamburg) und lädt zum Beschreiben ein!

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